Kaufmännische Schule Göppingen


Als Susi eines Morgens erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Genau genommen merkte sie noch gar nicht gleich, dass sie zum Ungeziefer geworden war. Sie wollte noch gerne etwas länger schläfrig im Bett liegen, aber ihr Vater klopfte bereits an die Tür. Also gut, dachte sie und versuchte aufzustehen. Leider ging es aber nicht. So ein Gefühl hatte sie bis dahin nie gehabt, außer in ihren Alpträumen. Darin wurde sie immer langsamer, statt schneller vor verschiedenen Ungeheuern zu fliehen, und endeten ihre Versuche, Kontrolle über ihren Körper zu erlangen, genauso erfolglos wie in diesem Augenblick. "Vielleicht bin ich noch gar nicht wach", dachte sie "und träume noch, deshalb habe ich auch keine Gewalt über meinen Körper". Doch ihr wurde schnell klar, dass kein Mensch kontinuierlich denselben Traum träumen kann, denn ein Traum ist immer bizarr und sprunghaft. Sie sah aber immer das gleiche Erscheinungsbild ihres Zimmers. Endlich gelang es ihr mit einer gewaltigen Anstrengung ihrer Willenskraft etwas zu bewegen. Zwar nicht ihre Beine, die sie eigentlich hochheben wollte, aber doch irgendwelche ihr völlig unbekannten Körperteile an der Unterseite ihres Körpers. So kippte sie aus dem Bett. Im Fallen musste sie den Nachtschrank mit dem Spiegel angestoßen haben, so dass der Spiegel an der Wand angelehnt zum Stehen kam.

Als sie den Kopf dort hin wendete, sah sie darin einen riesigen Käfer mit ausgebreiteten Flügeln und grässlicher Fratze. Doch das konnte eigentlich nicht sein, denn normalerweise müsste für sie aus dieser Position nur ihr eigenes Spiegelbild zu sehen sein. Trotzdem glotzte ihr ein äußerst hässliches Käferexemplar entgegen. Der Käfer hatte kleine stupide Augen, ein schwarzes Maul und zwei überlange Fühler, die gerade die Umgebung abtasteten. "Na toll", dachte sie, "jetzt bin ich ein Käfer, liege hier auf meinem Bauch, kann nicht sprechen, aber mich doch einigermaßen bewegen. Ist auch nicht viel schlimmer als vorher". Doch der kleine Anflug von Sarkasmus verflog schnell und änderte nichts an derungeheuerlichen Tatsache, dass sie von der Gattung Mensch zur Gattung Insekt verwandelt worden war. Sie lag da und dachte nach, wie so etwas möglich sein konnte. Susis Gedankenfluss wurde unterbrochen, als ihre Mutter hereinkam und sofort wieder kreischend hinausrannte. Wenig später hörte sie ihren Vater, zunächst seine Schritte auf der Treppe, dann wie er die Zimmertür öffnete und an ihr Bett herantrat ? und das war auch das letzte, was sie von dieser Welt an Empfindungen mitnahm.





Andreas Schleicher