Kaufmännische Schule Göppingen


Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Ganz plötzlich und ohne mir ersichtlichen Grund war ich aus meinen Träumen aufgeschreckt. Ich hatte kein Gefühl in meinen Armen, Händen und Beinen. Auch sah ich mein Zimmer, das durch den Sonnenschein, der durch die Ritzen meines nicht vollständig heruntergelassenen Rolladens fiel, leicht beleuchtet wurde, irgendwie anders als sonst. Es schien mir fast so, als ob ich über Nacht eine Art Tunnelblick bekommen hätte.

Trotz meiner 8 Stunden Schlaf fühlte ich mich unausgeruht und etwas kränklich. Ich dachte mir aber nichts weiter dabei, sondern schob mein körperliches Unwohlsein auf die zur Zeit herumgehende Grippe. Ich entschloss mich, in Anbetracht des wunderschönen Wetters, das ich außerhalb meines Zimmers vermutete, das Licht anzuschalten und aufzustehen. Doch ich schaffte es noch nicht einmal, die Decke, die mich wärmend umhüllte, aufzuschlagen. Langsam drehte ich meinen Kopf in Richtung des Spiegels, in dem sich mein Bett und die Wand, an der mein Bett steht, normalerweise spiegelten. Doch was ich darin sah, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. In meinem Bett lag eine Art riesiger Käfer, und zwar an genau der Stelle, an der ich mich selbst vermutete. Ich erschrak fürchterlich bei dem Anblick des Insekts. Es war schwarz wie die Nacht, hatte Augen so rot wie Blut, 2 schwarze Fühler, die sich in Richtung des Kopfes verdickten und 6 schmale Beine, die den Beinen von Spinnen glichen. Das Spiegelbild zeigte mir dieses Ungeheuer in meinem Bett liegend, von meiner Decke umhüllt! Das konnte ich nicht begreifen, zumal ich doch selbst ganz friedlich darin lag. Ich brauchte einige Zeit um das im Spiegel Gesehene zu verarbeiten. Was war nur geschehen? Langsam begriff ich es. Meine über Nacht schlecht gewordenen Augen, die Müdigkeit, das Unwohlsein, das taube Gefühl in meinen Extremitäten. Es passte alles zusammen.

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Ich war dieses Ungeheuer. Anscheinend musste ich in dieser Nacht, in der ich schrecklich unruhig geschlafen hatte, zu diesem schwarzen Käfer mutiert sein. Ich konnte es nicht glauben!!! Wie sollte ich jemals wieder ein normales Leben führen, mit einem schwarzen Panzer, mit Fühlern und 6 Beinen!! Panik überfiel mich. Ich versuchte mich zu drehen, aufzustehen und meine mutierten Arme und Beine zu bewegen, doch ich war eine Gefangene in meinem eigenen Panzer. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Ich fühlte mich doch im Inneren wie ein Mensch! Ich wusste doch noch all die Handlungen und Abläufe, die man am Morgen als Mensch verrichtet! Ich wusste, wie man das Licht anschaltet, die Decke zur Seite schiebt, und ich wusste ebenfalls, wie man aufsteht ? doch ich konnte es nicht. Denn ich hatte zwar das Bewusstsein davon, wie man all diese Dinge als Mensch tut, aber ich war ein Käfer. Mein Wissen nutzte mir nichts. Ich wollte in meiner Angst und Verzweiflung schreien und weinen, doch ich konnte nicht. Ich war mit jeder Faser meines Käferkörpers verzweifelt, denn diese Erkenntnis warf mich um.

Es dauerte lange,.bis meine Verzweiflung ein wenig nachgelassen hatte, doch dann startete ich den ersten Versuch meinen Käferkörper zu nutzen. Ich bemühte mich, alle meine Muskeln anzuspannen um mich zu bewegen. Es gelang mir tatsächlich, meine 6 Beine erst langsam, dann immer schneller zu bewegen. Ich versuchte nun mit meinem obersten rechten Bein das Licht anzuschalten, doch der Lichtschalter war zu weit entfernt. Mich überkam wieder eine unbeschreibliche Verzweiflung. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass ich ja noch meine Fühler zu Hilfe nehmen könnte. Wieder spannte ich alle Muskeln an, doch die Fühler bewegten sich nicht. Erst beim 7. Versuch gelang es mir, nahe der Verzweiflung und schon etwas ermüdet, durch einen riesigen Kraftaufwand und am Rande meiner Konzentrationsfähigkeit, meine Fühler zu bewegen und zu lenken. Ich schwenkte sie vor, zurück, nach rechts, nach links und sogar im Kreis herum, um ein Gefühl für sie zu bekommen. Nun versuchte ich abermals nach dem Lichtschalter zu greifen. Doch der Schalter war immer noch unerreichbar für mich. Ich beschloss nun, meine ganze Kraft dazu zu verwenden aufzustehen. Aus Gewohnheit versuchte ich, meinen Oberkörper aufzurichten und meine Beine aus dem Bett zu heben. Auch dies gelang mir nicht. Aber so schnell wollte ich nicht aufgeben. Ich erinnerte mich daran, wie ich als kleines Kind oftmals Maikäfer auf den Rücken gelegt hatte, um ihnen zuzusehen, wie sie es schaffen wieder auf ihre Beine zu gelangen. Ich erinnerte mich, dass meine "Käferkollegen" mit denBeinen strampeln, um auf dem Rücken liegend so lange zu schaukeln, bis sie sich drehen. Ich versuchte es mit der gleichen Methode. Abermals spannte ich alle meine Muskeln, vor allem die der Beine und der Fühler, an und zappelte vor und zurück. Es dauerte eine Weile, bis ich auf dem Panzer liegend hin und her schaukelte. Von links nach rechts und wieder zurück. Ich war also auf dem richtigen Weg. Da das Anspannen der Fühlermuskeln aber schon sehr viel Kraft beansprucht hatte, war ich sehr müde. Trotzdem nahm ich noch einmal meine ganze restliche Kraft zusammen und schleuderte meine Beine und Fühler hin und her, immer schneller und stärker bis ich schließlich so sehr schaukelte, dass ich zuletzt aus dem Bett fiel - und aufwachte.





Birgit Bauer