Vorwort
Als Gregor Samsa aufzuwachen ist nützlich... , weil das Menschenhirn, das im Käferleib steckt anfängt zu arbeiten, neu und anders. Obwohl alles so Schrecken erregend ist, vor allem ist es faszinierend und gefährlich.
Franz Kafka beschreibt in seiner Erzählung "Die Verwandlung", wie der Angestellte Gregor Samsa sich eines Morgens als Käfer verwandelt findet und die daraus erwachsenden tragischen Konsequenzen für sein Leben. Trotzdem ist Gregor Samsa nie so sehr Gregor Samsa, wie im Zuge seiner Verwandlung zum Insekt. Seine Existenz, Empfindungen und Wahrnehmungen gewinnen jetzt erst besondere Schärfe. Den Beginn der Erzählung unterziehen die Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses einer weiteren Verwandlung. Ohne Kafkas Erzählung zu kennen, wird deren erster Satz zum Ausgangspunkt einer eigenen Geschichte. Die Ergebnisse werden an den Kunstkurs weitergereicht, und hier setzt sich die Metamorphose fort, aber das Medium wechselt.
Ein Gefühl körperlicher Behinderung entspricht manchmal der Ausgangssituation beim Zeichnen: Die Hand kann angeblich nicht umsetzen, was der Kopf vorhat und kontrollieren möchte. Jeder anfängliche Bleistiftstrich wird überkritisch bewertet und verursacht Zweifel.
Als Einstieg in die Welt des Gregor Samsa war den Schülern und Schülerinnen die gewohnte Kontrolle und Orientierung über ihre zeichnerische Arbeit entzogen. Sie zeichneten blind. Darüber hinaus nicht etwas, das sie vor sich hatten, sondern etwas Gehörtes: Die Beschreibung der Form eines Insektes wurde in eine Zeichnung übersetzt. Diese Bleistiftnotizen auf dem Papier geben konzentrierte, grafische Äußerungen über eine Situation wieder, die der von Gregor Samsa nachempfunden ist: ungewohnt, unangenehm, bewusstseinsschärfend und neu. Die Ergebnisse sind genauso ungewohnt, deformiert und tragikomisch, aber sie informieren gleichzeitig mehr über die Situation des Käfer/Menschen, als jede bemüht naturalistische Zeichnung es könnte. Die Arbeiten bildeten den Ausgangspunkt für weitere grafische Experimente mit Zeichenmaterialien, Fotografie, Kopie und gleichzeitig persönlich verwandelte Arbeitsansätze.
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BK-Lehrerin, Kaufmännische Schule Göppingen







